Der Kaiser-Wilhelm-Apfel gehört zu den traditionsreichsten Tafeläpfeln Deutschlands – und seine Geschichte beginnt mitten am Rhein, im Gutsgarten von Haus Bürgel bei Monheim. Diesem Artikel vorausgegangen ist eine ausführliche Aufarbeitung und Recherche durch Willi Hennebrüder vom BUND Lemgo

Der Kaiser-Wilhelm-Apfel gehört zu den traditionsreichsten Tafeläpfeln Deutschlands – und seine Geschichte beginnt mitten am Rhein, im Gutsgarten von Haus Bürgel bei Monheim.
Dort entdeckte der Lehrer und Pomologe Carl Hesselmann im Jahr 1864 einen bis dahin unbekannten Apfelbaum, dessen Früchte ihn so beeindruckten, dass er sie später dem Kaiser widmete. 1875 schickte Hesselmann Kaiser Wilhelm I. Äpfel und ein Bäumchen, woraufhin der Kaiser seinen Namen offiziell für die Sorte zur Verfügung stellte – der Startschuss für den rasanten Siegeszug des „Kaiser Wilhelm“ in den Baumschulkatalogen des Reichs.
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war der Kaiser-Wilhelm-Apfel auf vielen Streuobstwiesen präsent, bevor er mit dem Aufkommen niederstämmiger Plantagenanlagen zunehmend aus der Erwerbsobstproduktion verschwand. Heute gilt er als robuste, aromatische Streuobstsorte mit regionaler Identität, die vor allem im Bergischen Land durch Nachpflanzungen gezielt erhalten wird.
In den letzten Jahren ist um die Frage entbrannt, ob der Kaiser-Wilhelm-Apfel tatsächlich eine eigenständige Sorte ist – oder ob er in Wahrheit nur ein „umbenannter“ Apfel namens Peter Broich sei. Molekulargenetische Untersuchungen haben nahegelegt, dass beide Sorten identisch sein könnten, ohne jedoch alle pomologischen Merkmale und die Herkunft der untersuchten Bäume transparent zu machen. Gleichzeitig tauchen in Flyern, Katalogen und Artikeln Behauptungen auf, die kaum oder gar nicht belegt sind, etwa eine Züchtung „um 1830“ durch den Vikar Johann Wilhelm Schumacher.
Der vorliegende Recherchetext stellt diese Version deutlich in Frage. Er zeigt: Viele oft zitierte Aussagen beruhen auf Hörensagen, Fehlzitaten oder Quellen ohne genaue Literaturangabe – und passen zeitlich kaum zu den Lebensdaten der angeblichen Züchter. Statt einer klaren Erfolgsgeschichte ergibt sich ein Bild aus Widersprüchen, offenen Fragen und spät auftauchenden Sortenbeschreibungen.
Spannend wird es, wenn man in die historischen Fachzeitschriften und Baumschulkataloge schaut.
- In den pomologischen Monatsheften von 1866 wird die Baumschule des Vikars Johann Wilhelm Schumacher beschrieben: Als eigene Züchtungen werden Sorten wie „König-Wilhelms-Apfel“, „Schumachers Renette“ und „Garibaldi“ genannt – von einer Sorte „Peter Broich“ ist jedoch keine Rede.
- Auch in einem Text von 1865 („Der Vicar zu Ramrath“ von Zuccalmaglio) findet sich kein Hinweis auf eine Apfelzüchtung mit diesem Namen.
- Wilhelm Lauche beschreibt 1883 im „Illustrierten Handbuch der Obstkunde“ die Sorte Kaiser Wilhelm mit dem Hinweis, dass der Mutterbaum im Gutsgarten von Haus Bürgel stand und bereits 1874 rund 600 Kilogramm Äpfel trug. Ein solcher Ertrag setzt ein Baumalter von mindestens 25–35 Jahren voraus – der Zufallssämling muss also deutlich vor 1850 entstanden sein.
- Der pomologische Leitfaden von Theodor Engelbrecht aus dem Jahr 1887 listet den Kaiser-Wilhelm-Apfel bereits – die Sorte Peter Broich taucht dort noch nicht auf.
Die Sorte Peter Broich erscheint in der Literatur deutlich später:
- Obergärtner H. Gold erwähnt 1918 im „Erfurter Führer“ erstmals Peter Broich und bezeichnet ihn als Sorte, die vom Kaiser-Wilhelm-Apfel abstammt; er hebt die große Tragbarkeit, die hohe Baumform und die Ähnlichkeit von Form, Blatt und Holz zum Kaiser Wilhelm hervor.
- In derselben Zeitschrift schreibt Baumschulinhaber Albert Abendroth, er habe die Sorte am Niederrhein in einer Plantage gefunden und später in den Handel gebracht; er hält sie für eine Abart oder einen Sämling des Kaiser Wilhelm.
- 1920 legt Abendroth nach: Auf Grundlage von Informationen eines ehemaligen Mitarbeiters von Dietrich Uhlhorn berichtet er, dass der Apfel Peter Broich tatsächlich eine Züchtung Uhlhorns sei, benannt nach dem Rittergutbesitzer Peter Broich auf Haus Kamp in Ramrath.
- In einem Aufsatz von 1921 („Aus Dietrich Uhlhorns Zuchtarbeit“) bestätigt Abendroth dies noch einmal ausdrücklich: Peter Broich ist eine Sorte aus Uhlhorns Zuchtprogramm, entstanden als Sämling unbekannter Abstammung, mit dem Originalbaum auf Haus Kamp.
Erst in den 1930er- und 1950er-Jahren taucht die Sorte in Baumschulkatalogen wie dem der Baumschule Fey auf – dort wird die Züchterschaft uneinheitlich zwischen Schumacher und Uhlhorn zugeschrieben, ohne belastbare Quellen zu nennen.
Der Recherchetext arbeitet die Unterschiede der beiden Sorten in einer tabellarischen Gegenüberstellung heraus. Dabei wird nicht nur auf die Genetik, sondern vor allem auf klassische pomologische Merkmale geschaut:
- Kaiser Wilhelm wird als stark wachsender Baum mit breit-pyramidaler Krone beschrieben, der spät in Ertrag kommt und unregelmäßig trägt.
- Peter Broich gilt dagegen als mittelstark wachsend, mit aufrechter Krone, früh einsetzendem und regelmäßigem Fruchtansatz.
- Auch beim Stiel werden Unterschiede genannt: Beim Kaiser Wilhelm „ziemlich dünn“ und mittellang, beim Peter Broich eher kurz und dick.
- In der Lagerfähigkeit liegen beide dicht beieinander (Genussreife etwa Dezember bis April), die Beschreibungen variieren leicht in Details.
Diese Merkmalsunterschiede sind zwar nicht dramatisch, sprechen aber eher dafür, dass es sich um zwei nahe verwandte, jedoch nicht identische Sorten handelt – etwa um eine Sorte und einen Sämling. Das deckt sich mit den Aussagen von Abendroth und Gold, die Peter Broich ausdrücklich als Abart oder Sämling des Kaiser Wilhelm einordnen.
Molekulargenetische Untersuchungen, die beide Sorten für identisch erklären, lassen aus Sicht der Autoren wichtige Fragen offen: Wurden wirklich eindeutig bestimmte, sortentypische Bäume untersucht? Könnte es sein, dass versehentlich zweimal Kaiser Wilhelm beprobt wurde, weil Reiser vertauscht wurden oder Baumschulen falsche Sorten geliefert hatten? Ohne genaue Dokumentation der Probenherkunft bleibt diese Interpretation unsicher.
Am Ende der Recherchen steht ein klares Fazit: Die These, Kaiser Wilhelm sei lediglich ein „Plagiat“ der Sorte Peter Broich, lässt sich aus heutiger Sicht weder historisch noch pomologisch stichhaltig belegen.
Vielmehr spricht vieles dafür, dass:
- der Kaiser-Wilhelm-Apfel als Zufallssämling oder frühe Sorte bereits vor der Sorte Peter Broich beschrieben und verbreitet war,
- Peter Broich erst Jahrzehnte später als eigenständige Sorte in der Fachliteratur auftaucht und von Zeitzeugen als Sämling oder Abart des Kaiser Wilhelm beschrieben wird,
- die Zuordnung der Züchterschaft an Schumacher und die Datierung „um 1830“ auf schwachen oder fehlenden Quellen beruhen.
Gleichzeitig zeigt diese Geschichte, wie fehleranfällig unsere Sortenüberlieferung ist: Falsch abgegriffene Wikipedia-Angaben, unvollständige Zitate aus alten Katalogen und unkritisch übernommene Behauptungen können in wenigen Jahren eine völlig neue „Legende“ erzeugen. Gerade deshalb sind sorgfältige Literaturarbeit, der Abgleich von Wuchseigenschaften und Fruchtmerkmalen sowie eine transparente Genetik-Forschung so wichtig.
Der Kaiser-Wilhelm-Apfel ist damit mehr als nur eine alte Sorte: Er ist ein Beispiel dafür, wie eng regionale Kulturgeschichte, Obstbau, persönliche Netzwerke von Züchtern und moderne Wissenschaft miteinander verflochten sind. Orte wie Haus Bürgel oder wir bei Streuobst.Land machen diese Geschichte bis heute erlebbar – mit alten Bäumen, Führungen und Produkten wie sortenreinen Bränden und Säften, die die Sorte im Bewusstsein halten.
Wer Kaiser Wilhelm oder Peter Broich heute auf der Streuobstwiese pflanzt, holt sich nicht nur einen wohlschmeckenden Winterapfel in den Garten, sondern auch ein Stück rheinischer Obstbaugeschichte – samt aller offenen Fragen, die diese beiden Sorten bis heute umgeben.
An dieser Stelle möchten wir uns herzlich bei Willi Hennebrüder für die Arbeit und für die Erlaubnis seine Recherchen bei uns zu veröffentlichen bedanken.